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Herzlich willkommen zur 5. Ausgabe der Recruiting Times!
Ein Blick auf die leisen, aber tiefgreifenden Veränderungen am Schweizer Arbeitsmarkt.
Wer hält aktuell die Zügel in der Hand – Arbeitnehmer oder Arbeitgeber?
Während der Schweizer Arbeitsmarkt über Jahre hinweg stark arbeitnehmerorientiert war, verdichten sich derzeit die Zeichen, dass das Pendel zurückschwingt. Die Arbeitslosenquote ist von 1,9 % auf 2,8 % angestiegen – und mit ihr wächst die Unsicherheit auf beiden Seiten des Tisches.
Neben den bekannten globalen Unsicherheiten – dem Krieg in der Ukraine, dem schwelenden Konflikt zwischen Israel und dem Iran sowie wirtschaftspolitischen Spannungen wie US-Zöllen – erleben viele Unternehmen einen Realitätsschock.
Die Folge: Kurzarbeit in Branchen, die bislang stabil wirkten, Investitionszurückhaltung und eine spürbar defensivere Haltung bei Neueinstellungen.
Dies macht sich auch, gemäss Ökonomen des sogenannten der Konjunkturforschungstelle (KOF), beim BIP bemerkbar. Die Wachstumsprognosen senkken auf nur noch 1,3% für 2025 und 2026 (anstatt 1,4 für 2025 und 1,6 -1,8% für 2026).
Recruiting im Wandel – Selektivität statt Entwicklungschance
Diese Zurückhaltung macht sich auch deutlich im Recruiting-Alltag bemerkbar.
Wo früher Kandidaten mit 60–70 % Passung eine echte Chance hatten, ist heute oft ein 90–95% Fit erforderlich, damit ein Unternehmen überhaupt gesprächs- und zahlungsbereit ist. Der Raum für Lernkurven, Quereinstieg und Entwicklungspotenzial ist kleiner geworden – nicht, weil der Wille fehlt, sondern weil die Mittel knapp(er) sind und KI immer mehr Einzug in Unternehmen hält.
Key-Personal wird allerdings weiterhin gesucht, ja – aber der Fokus liegt zunehmend auf „Plug-and-Play“-Profilen, die sofort Mehrwert bringen.
Das hat auch Auswirkungen auf die Zusammenarbeit mit Personaldienstleistern und Headhuntern: Opportunistische Suchen und „Try & Hire“-Gedanken weichen zunehmend dem Wunsch nach der Eierlegendenwollmilchsau…
Zurück ins Büro – zurück zur Realität?
Viele Unternehmen reduzieren derzeit Ihre Benefits, allen voran das Homeoffice.
„Back to Office“ ist mehr als ein Schlagwort – es ist ein spürbarer Kurswechsel in der Haltung einiger Arbeitgeber. Die einstigen Corona-Learnings in Richtung Flexibilität und Selbstverantwortung werden teilweise zurückgedreht.
Das sendet ein klares Signal:
„Möchtest Du den Job – oder möchtest Du arbeitslos sein?“
Diese implizite Botschaft, so zugespitzt sie auch klingen mag, zieht sich derzeit durch viele Auswahlprozesse bzw. Bewerbungsgespräche – mit entsprechenden (psychologischen) Folgen auf Kandidatenseite.
Start-up-Spirit und Wechselbereitschaft, wie wir sie zwischen 2018 bis 2021 erlebt haben, sind aktuell kaum zu spüren. Im Gegenteil: viele Talente bleiben dort, wo sie sind – nicht aus Loyalität, sondern aus Vorsicht.
Berufung vs. Budget – Wenn Leidenschaft wichtiger wird als das Salär
Doch nicht alle beugen sich dem Trend.
Wir erleben immer wieder Menschen, die bewusst auf Gehalt verzichten, um ihrer Berufung treu zu bleiben.
Eine Recruiterin aus unserem Netzwerk nahm eine Stelle in einem Biotech-Start-up an – trotz CHF 30’000 Jahresgehaltseinbusse. Ein anderer Kandidat aus dem Sales/Account Management wechselte aus der Automotive-Branche in ein kleineres, nachhaltigeres Unternehmen im Bereich MedTech – ebenfalls mit spürbarem finanziellen Rückschritt.
Diese Beispiele zeigen:
Für viele ist der Job mehr als nur ein Einkommen.
Es geht um
- Sinn,
- Stabilität und
- Identifikation.
Gleichzeitig merken auch wir als Dienstleister die Veränderungen:
Wir nehmen heute mehr Suchaufträge auf Erfolgsbasis an, wo wir früher exklusiv gearbeitet haben. Wir sprechen aktiv mit Kandidaten über Themen wie Verzicht, Umorientierung und den Wert handwerklicher oder AI-resistenter Berufe.
Denn eins ist sicher: Die nächste Phase der Arbeitswelt wird anders.
KI wird viele Tätigkeiten ersetzen – aber nicht alle.
Kochen, pflegen, therapieren, installieren, bauen – diese Fähigkeiten bleiben wertvoll. Wir brauchen einen neuen Blick auf Berufsbilder, die uns durch kommende Jahrzehnte tragen werden.
Fazit: Der Wandel ist real – und bietet Raum für ehrliche Fragen
Wir stehen am Beginn einer neuen Etappe.
Der Arbeitgebermarkt kehrt zurück – nicht als lauter Paukenschlag, sondern als stilles Ruckeln im System.
Das kann herausfordernd sein.
Es kann aber auch die Chance sein, sich neu zu erfinden, Prioritäten zu überdenken und Branchen oder Karrieren ins Auge zu fassen, die man früher nicht auf dem Radar hatte.
Was denkst und fühlst Du?
👉 Wie erlebst Du den aktuellen Arbeitsmarkt?
👉 Siehst Du ebenfalls die Verschiebung hin zum Arbeitgebermarkt?
👉 Wo erlebst Du Verzicht, Wandel, Chancen – persönlich oder beruflich?
Schreib uns gerne direkt zurück oder teile Deine Gedanken mit unserem Netzwerk.
Wir freuen uns auf ehrliches Feedback, kritische Impulse und neue Perspektiven.
Headhunterlich,
Bodenmiller Recruitment GmbH

